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Rassegna Stampa Internazionale


von Caspar Heer, Zivido - 10.07.1997

Schoner Wohnen und tagliatelle auf dem Schlachtfeld

Angesengt, grafittiverschmiert, die Fensterscheiben zerbrochen: Die kleine Station von San Giuliano macht auf uns den Eindruck, als ob ein Kriegszug die Gegend verheert hatte. Tatsachlich sind hier "Barbaren" vorbeigezogen, allerdings lange bevor es die Eisenbahn gab: Vor 482 Jahren marschierten gegen 30.000 Eidgenossen die Strasse in Richtung Lodi hinunter und griffen drei Wegstunden ausserhalb Mailands, zwischen San Giuliano und Melegnano (das im lombardischen dialekt Meregnan heisst), das dort lagernde franzosische Heer an.

Schoner wohnen auf atomfreiem Schlachtfeld
Alle Wege fuhren nach Rom, auch die strasse nach Lodi: es ist die alte, schnurgerade Romerstrasse Via Emilia, auf der sich heute der Verkehr in Mailands Vororte walzt. Autowerkstatten und Handwerksbuden saumen die Strasse, dahinter Wohnquartiere, mit kleinen Laden, wo man alles haben kann, was man zum Leben und zum Sterben braucht: Das Beerdigungsinstitut "Elvezia" bietet Gratiskremationen an. Wir marschieren an Burogebauden und Supermarkten vorbei. Wie riesige Lanzen ragen die Betonpfeiler fur ein Gewerbezentrum aus dem Boden.
"Ya-Hua": Was wie ein Schlachtruf klingt, ist nur der Name eines chinesischen Restaurants, das sich hier an der Abzweigung nach Zivido verschanzt hat. Eine Reklametafel mit schwarzen Reitern auf gelbem Grund preist Neubauwohnungen an: "La Piana dei Giganti. Vendiamo appartamenti". Hier hat das zweitagige Gemetzel stattgefunden, das in der Gegend unter dem Namen "Battaglia dei Giganti" (Schlacht der Riesen) bekannt ist. "Comune denuclearizzato" verkundet ein Strassenschild, daneben eine durchgestrichene Atomrakete. Wenigstens das. Heute liefert man sich andere Gefechte: Immobilienhaie streiten um die letzten Maisacker, die noch nicht uberbaut sind. Die Agrarwirtschaft, die das Land um Melegnano (Marignano) uber Jahrtausende gepragt hat, haben sie dabei langst besiegt.

Strasse ohne Ausweg
Weiter vorn biegen wir in einem Feldweg ein: "Strada senza uscita", warnt ein Schild. Die "Strasse ohne Ausweg" fuhrt an einem Abfallhaufen vorbei zur Kapelle von Zivido, wo unter einem Kinderspielplatz die Gebeine der gefallenen Franzosen und Schweizer ruhen. Wir fotografieren durch das geschlossene. Gitter den Gedenkstein, den die Schweiz 450 Jahre nach Marignano aufstellen liess. Das ist fur den Fiatfahrer, der aus der anderen Richtung uber das Kopfsteinpflaster holpert, Grund genug, auf die Bremse zu treten. Er identifiziert uns sofort als Schweizer und setzt zu einer detailgetreuen Schilderung der Battaglia an. Ein Lehrer, wie sich herausstellt. Aber beileibe nicht der einzige, der hier Bescheid weiss.
Hundert Meter weiter steht noch, wie eine Insel inmitten moderner Wohnsiedlungen, der alte Kern von Zivido, darunter das Castello der Brivio. Dorthin haben sich am zweiten Schlachttag 300 Zurcher gefluchtet. Die Franzosen haben es angezundet und ihre Feinde verbrannt. Zur Zeit werden in das zerfallende Gemauer schicke Eigentumswohnungen eingebaut.

Pierino Esposti, der heimliche Kultuminister von Zivido
"Jaja, ab und zu kommen Schweizer", sagt der Wirt der nahen Trattoria. Es durrften die einzigen Touristen sein, die in seinem bescheidenen Lokal einkehren. An der Wand hangen zwei Fotos eines Umzutgs: Schone Italienerinnen in historischen Kostumen und Hellebarden-bewehrte "Lanzichenecchi". Wer sich fur diesen Corteo interessiert, wird umgehend mit Pierino Esposti verbunden. Von Beruf Bankier, ist er mit Leib und Seele Prasident des Kulturvereins von Zivido. Ein Anruf genugt, und schon sind wir eigeladen zu einem Teller Tagliatelle auf dem Schachtfeld. Denn dort - so betont Esposti - steht das Einfamilienhaus des heimlichen Kulturministers von Zivido
.Wo bei anderen Leute Kartoffeln und Wein, lagern bei Esposti alte Dokumente und historische Literatur. Alles, was es an Wissenswertem uber Zivido und San Giuliano gibt, wird hier aufgeturmt oder auf CD-Rom gebannt. Espostis Keller ist San Giulianos Kulturarchiv und Kostumverleih. Hier hangen auch die renaissancegewander fur den Corte, den Esposti organisiert. "Etwa dreitausend Personen kommen jedesmal zum Fest", schatzt er. Und dabei geht es keineswegs um die Verherrlichung von Kriegstaten, sondern um etwas ganz anderes: Die Gemeinde San Giuliano, zu der auch Zivido gehort, wachst sturmisch. In den letzten zwanzig Jahren hat sie sich auf fast 40.000 Einwohner verdoppelt. "Die Leute stammen aus uber zweitausend Gemeinden: ein richtiges Risotto ", lacht Esposti.

In der Schlacht der andern die eigene Identitat starken
San Giuliano droht zu einer gesichtslosen Agglomerationsgemeinde zu werden, wo sich Vorstadtprobleme haufen. "Milano mangia tutto", Mailand frisst alles, sagt Esposti, wenn man nichts entgegensetzt. So wurde die Battaglia dei Giganti nicht zufallig in dem Moment der Vergessenheit entrissen, als San Giuliano endgultig in den Sog des Grossstadtmolovchs geriet. Umdie Schlacht kristallisiert sich hute ein Identitatsbewusstsein, und nur damit lassen sich nach Espostis Uberzeugung gesellschaftliche Krafte mobilisieren und Probleme losen - lokale zuerst, aber nicht nur: "Wenn wir das Europa der Volker bauen wollen, mussen wir uns besser kennenlernen". Die nachste Gelegenheit bietet sich am 13. September: An diesem Samstag fuhren die verkleideten Hellebardentrager den Umzug ins siebte Jahr.

Stichwort: Marignano
(che.) In Zivido bei Melegnano (Marignano) standen sich 1515 die starksten Heere des damaligen Europa gegenuber: 30.000 Eidgenossen und ein etwa gleich starkes franzosisches Heer unter dem blutjungen Konig Francois I. Daher auch die italienische Bezeichnung Schlacht der Giganten. Die Schlacht wurde von einem Teil der Eidgenossen vom Zaun gebrochen, obschon sie mit Frankreich kurz zuvor Frieden geschlossen hatten. Veraltete Taktik und chaotische Truppenleitung fuhrten am zweiten Tag in eine schwere Niederlage, die zwischen 5000 und 7000 Eidgenossen das Leben kostete Marignano markiert das Ende der Mailanderkriege, nicht jedoch den Anfang der Neutralitat oder das Ende des Soldnetwesen. Frankreich bot den Eidgenossen jedoch einen vorteilhaften Frieden an (Abtretung des Tessins) und sicherte sich damit Scweizer Soldnerttruppen fur die nachsten 300 Jahre.

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